Interpretation einer Dramenszene

Das Drama Frühlingserwachen, von Frank Wedekind, ist eine Kindertragödie. Das Drama wurde 1891 verfasst und bezieht sich auf eine Zeit vieler gesellschaftlicher Umbrüche. Es handelt sich um die Aufklärung, die in dieser Zeit eine große Rolle gespielt hat und bei vielen Menschen für Kontroversen gesorgt hat, genau wie bei diesem Drama, worüber die Meinung sehr verschieden ausgefallen sind und es doch eher kritisiert wurde. Im Drama geht es um die Komplexität und um die Schwierigkeit, die dieses Thema bei einer Gruppe Jugendlichen verursacht. Sie befinden sich alle in der Phase des Erwachsenwerdens und haben alle Schwierigkeiten, wenn es um sexuelle Erregungen geht. In vielen Fällen wurden die Jugendlichen von ihren Eltern nicht aufgeklärt, und wagen sich auf Glatteis in die Welt heraus, auf dem Weg zu ihrer Selbstwerdung.

In der 5. Szene des 1. Aktes treffen sich Wendla und Melchior, zwei der Hauptfiguren, im Wald. Wendla ist auf der Suche nach Waldmeister für ihre Mutter und hat sich etwas in ihren Gedanken verloren. Melchior geht ebenfalls seinen Gedanken nach und streift durch den Wald. Sie legen sich unter einen Baum und reden. Die Szene ist ebenfalls der Ausgangspunkt für die Beziehung, die sich zwischen den beiden Protagonisten entwickelt und so auch auschlaggebend, für den späteren Verlauf und die damit verbundene Zuführung zum Höhepunkt.

Durch den Kontrast der beiden Protagonisten, Wendla und Melchior, stellt Wedekind zwei Extrempunkte des Aufklärungsstatus dar, zum einen den wissbegierigen, aufgeklärten Melchior, und zum anderen die angepasste, unaufgeklärte und kindliche Wendla, gegenüber.

Wendla tut stets, was man von ihr verlangt, so ist sie in dieser Szene im Wald und tut das, was ihre Mutter von ihr will. Sie sagt sie sei im Wald um Weinmeister zu suchen, für den Maitrunk ihrer Mutter. (S. 23, Z. 6)

Melchior hingegen streift durch den Wald weil er nachdenklich und kritisch auftritt. Er nimmt die Dinge nicht so hin, wie sie ihm vorgelegt werden. „Ich gehe meinen Gedanken nach“ (S.23, Z.5).  Im Text ist ersichtlich, dass er Dinge, die ihm nicht genehm sind aus eigenem Willen abtut, so auch seine Konfirmation. Wenn der Pastor ihm nicht Rede und Antwort stehen kann, „geht (er) nicht mehr in die Kinderlehre und (lässt sich) nicht konfirmieren“. Er hinterfragt die Dinge um Klarheit zu schaffen. „Tust du das aus Eigenem Antrieb oder schickt deine Mutter dich?“ (S. 24, Z.3-4). Wendla, die angepasst ist, antwortet „Meistens schickt meine Mutter mich“. (S. 24, Z. 5). Auch hier wird das Geschehen nicht von ihr selbst bestimmt. Sie hat immer eine Vorgabe, an der sie sich orientiert und rät Melchior, er solle sich doch konfirmieren lassen und seinen Eltern keinen Kummer bereiten (S.25, Z.5).

Was für Melchior absurd scheint, ist für Wendla selbstverständlich. Sie kennt Melchiors Blickwinkel nicht. Er weiß, was er von Dingen hält, denn er befasst und urteilt nach seinen Maßstäben und danach, was er für richtig und falsch hält. So wie er beispielsweise sagt, er lasse sich nicht konformieren und er glaube nicht das Schlagen Kinder besser macht.

Wendla bildet ihre eigene Meinung nicht und vor allem setzt sie diese nicht durch. Sie meint zu Melchior, nach dem der hinterfragt ob Wendla um ihrer Freude willen zu den Armen geht, sie gehe zu ihnen weil sie arm wären. Und das nur weil ihre Mutter ihr das so gesagt hat. Sie hinterfragt nicht einmal warum ihre Mutter will, dass sie zu den armen Familien geht. Es befriedigt sie zu wissen, dass ihr Mutter es so wollte. So wird dem Leser verdeutlicht, dass Wendla noch ein Kind ist, weil sie noch nicht für sich denkt und handelt.

Etabliert ist nun, dass Wendla das Spiegelbild eines unaufgeklärten jungen Mädchens ist. Sie ist angepasst. Sie macht das, was vorgegeben wird. Ebenfalls aber, ist sie menschlich und moralisch, „Ich lag eine Weile am Goldbach im Moose und habe geträumt“… „Was hast du vorhin geträumt…?“, fragt Melchior (S.25, Z. 15).

„Dummheiten – Narrheiten“ (S. 25, Z. 17), doch ist sie gar nicht gewillt, sich ihre eigene Meinung zu bilden und zu vertreten. Das wird auch daraus ersichtlich, dass sie sich die Tatsache, dass sie darüber nachdenkt, dass ihre Freundin geschlagen wird, als „Narrheit“ oder „Dummheit“ abtut. Offensichtlich hat sie ein Verständnis dafür, dass gechlagen werden etwas moralisch Schlechtes ist, jedoch findet sie die innere Stärke nicht, dies laut auszusprechen. Sie hat aber auch nicht das nötige Vorwissen von ihren Eltern bekommen, was die Vorrausetzung dafür wäre. Dies wird ihr später zum Verhängnis.

Melchior ist aufgeklärt. Er hat seinen eigenen Kopf über die Dinge. Er ist so auch in der Position über Dinge zu entscheiden und tut dies.

Es ist offensichtlich, das Melchior und Wendla eine besondere Art der Beziehung zueinander hegen, welche jedoch durch die verschiedene Aufklärungsstandpunkte, nicht übereinstimmen, und zu einem unausgeglichenen Akt zwischen beiden führt.

Es ist komplex und fast schon absurd, dass sie trotz der doch stark unterschiedlichen Auffassungen, Sympathien für den anderen haben. Beide haben vor dieser Szene äusserst wenig mit einander zu tun gehabt. Ihre Jugendlichkeit sorgt für die ersten sexuellen Interessen, die sie in ihrem Leben erfahren haben, was über den späteren Verlauf des Dramas ersichtlich ist.

Beide zeigen Zeichen von Anziehung, jedoch nimmt Melchior dies bewusst wahr und äußert diese gegenüber Wendla. Allerdings tut er dies auf einem gehobenem Niveau, das Wendla wegen ihres mangelnden Status an Aufklärung nicht versteht. Sie mag auch Anziehung verspüren, sie ist bei ihr aber unbewusst, da sie ihre Gefühle gedanklich und wörtlich nicht in eine Form bringen kann, wegen der auch hier wieder fehlenden und nötigen Aufklärung. Sie lässt ihn so auch nahe an sie heran und er schlägt sie. Die Tatsache, dass die beiden auf solche Maßnahmen zurückgrefen, um sich körperlich näher zu kommen, zeigt die Unfähigkeit, die durch ihre Unwissenheit entsteht, miteinander umzugehen.

Dies belegt auch, wie an manchen Stellen deutlich zu sehen, dass die beiden an einander vorbeireden. Melchior, der offen darüber philosophiert, was er gerade denkt und sich keinen Zwang antut und es offen ausspricht. Wendla hingegen, die dem ganzen nicht so richtig folgen kann, was Melchior dort gerade sagt, und keine richtige Antwort dafür hat, da sie keine eigene Meinung hat. So auch als Melchior Wendla zu ihren Besuchen bei den armen Familien ausfragt. Melchior redet auf einer erhöhten, philosophischen Basis, über dass was ihm „seit einem Monat keine Ruhe lässt“ (S. 24, Z. 30), und kommt zum Schluss dass es die „Veranlassung“ (S. 25, Z.1) wäre. Wendla hingegen versteht die Unterhaltung mit Melchior auf einem praktischen Niveau, und meint sogar zu ihm, er würde bestimmt auch Freude daran haben, die Armen zu besuchen (S.24, Z.34).

All dies, dient Wedekinds Mission, den Leser zur Aufklärung aufzufordern. Die Erkenntnisse aus dieser Szene sind wichtig für den weiteren Verlauf des Dramas. Wie zum Beispiel in der 4. Szene des 2. Aktes. Sie beruht auf dem Wissen, was wir hier erlangt haben. Die beiden Figuren und ihr Verhältnis, das sich später basierend auf dieser Szene entwickelt, wird hier näher gebracht. Es zeigt die Verzweiflung der beiden im Kontext zum Thema, was perfekt widerspiegelt, was Wedekind uns sagen will. Sie nähern sich nicht durch beispielsweise Händchen halten oder Umarmen, wie wir es heute kennen, sondern durch kalte Schläge.

Den Höhepunkt dieser Beziehung erlebt man in der Vergewaltigungsszene im 2. Akt. Zu dieser Szene wäre es nie ohne die beschriebene Szene gekommen. Also ist sie die erste Schlüsselszene des Dramas. Die beiden Protagonisten können ihre Gefühle nicht richtig zeigen und verzweifeln an ihrer Ratlosigkeit. Es fehlt die Aufklärung. Genau das, was Wedekind mit Frühlingserwachen kritisiert. Es hatte damals schon, eine sehr starke Relevanz, die aber nicht so wahr genommen wurde, wie es nötig gewesen wäre. Doch hat sich die Aufklärung durchgesetzt. Es hat heute ebenso Relevanz doch ist es heute ganz anderes als damals. Wir haben diese Aufklärung heute und sie hilft uns und prägt uns stark in unserem Weg ins Erwachsensein.

 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s